Interview mit Herrn Dr. Plänker

Herr Dr. Plänker, Sie gehören zu den Gründungsmitgliedern des QUL. 1994 hatten Sie schon 5 Jahre lang mit der Firma dormiente ein eigenes Unternehmen, das Naturmatratzen produzierte, zu dem Zeitpunkt auch schon aus Naturlatex.

Ja, und wir haben auch als erste eine Schadstoffanalyse durchgeführt. Gestartet sind wir, klassisch für Mitte der 80er, mit Futons und schon bei denen haben wir die Füllungen und Bezüge kontrolliert. Baumwolle, das wussten wir als Biologen, kam aus sog. Entwicklungs- oder Schwellenländern und die war potentiell oder ziemlich sicher mit Pestiziden belastet und es wurden Entlaubungsmittel verwendet um die Ernte leichter zu machen. Es fing also mit der Baumwolle an und dann haben wir sukzessive, aber relativ schnell, alle anderen Materialien auch getestet. Den Latex dann eben auch.

Gab es da schon irgendwelche Richtlinien, an denen man sich orientieren konnte?

Nein, für Matratzen gab es nichts, gar nichts. Die konnte jeder in den Markt bringen wie er wollte. Da wurde nichts kontrolliert. Weil es keine Verordnungen oder so was gab, haben wir uns am Lebensmittelrecht orientiert, da gab es eine Rückstandshöchstmengenverordnung, nach der haben wir alle 3 Monate alles untersucht. Das war sehr ambitioniert. Und zu streng, zu übertrieben, das haben wir dann im QUL reduziert - auf ein immer noch sehr hohes, sehr sicheres Maß, aber das war dann auch umsetzbar für alle. Dr. Kuebart vom Eco Umweltinstitut hatte seinerseits schon einen Kriterienkatalog aufgestellt, als es an die Umsetzung der Gründungsidee vom QUL ging. Da gab es schon den IVN, Internationalen Verband Naturtextil, an dem hatte er sich orientiert. Mit dem Kriterienkatalog konnten wir alle leben.

Um wie viele Hersteller ging es da eigentlich, wie groß war die Szene und wie muss man sich die vorstellen?

Also, es gab ja in der Hauptsache Federkern, Schaumstoff, synthetischen Latex auf der einen Seite, im klassischen Bettenfachhandel und dann gab es erst mal recht viele Futon-Leute. Die haben Natur verwendet, in erster Linie Baumwolle. Dazu kamen dann Kokosfasern, Rosshaar und später auch der Latex (synthetischer bzw. Mischungen aus Synthese- und natürlichem Latex). Das waren die Ökos. Die Futonwelle ging aber 1994 schon zu Ende, die Hersteller verschwanden oder haben ihren Namen geändert und dann Matratzen aus Naturlatex produziert, weil das doch auf Dauer bequemer war zum Liegen, die Kunden, auch die Ökos, wollten einfach nicht mehr so hart schlafen. Da war man dann eine kleine Szene von 4-5 Herstellern in Deutschland und Österreich – gegen einen riesigen Matratzenmarkt mit konventioneller Ware.

Reden wir da schon von dem Naturlatex, wie er heute vom QUL propagiert wird, 100% Natur?

Nein, dieser Naturlatex, da konnte man sich eben nicht sicher sein, ob der wirklich nur Natur ist. Ausgangsbasis war in Europa der synthetische Latex, also der, der letztlich aus Erdöl gewonnen wird. In Asien war das zu teuer, Syntheselatex als Beimischung - da wurde der Latex ja produziert am Baum. Und dann wuchs da in Deutschland und Österreich plötzlich ein Bedarf an Naturlatex durch die Öko-Nachfrage am Markt, da begann man in Europa dem synthetischen Latex natürlichen Latex beizumischen, in verschiedensten Mixturen. Das wurde alles als Naturlatex verkauft. Dazu muss man wissen, dass es schwieriger ist, die Produktion von Schaum aus der rein natürlichen Latexmilch zu steuern. Das ist ja ein Naturprodukt, d.h. in der Beschaffenheit stärkeren Schwankungen ausgesetzt. Die Schäumer haben lange argumentiert, sie könnten das in der Produktion nicht gewährleisten, gleichbleibend gute Qualität vom Endergebnis, wenn sie keinen synthetischen Latex beimischen. Und da hat der QUL angesetzt.

Welche Aufgabe hatte der QUL sich gestellt?

100% Naturlatex garantieren! Und die Matratzen daraus so ‚sauber‘ wie möglich. Am Markt waren jede Menge Mogelpackungen unter dem Namen Naturlatex. Wer seinen Naturlatex aus Europa bezogen hat, konnte nie so genau wissen, was er da bekommt, weil sich analytisch im fertigen Schaum nicht nachweisen ließ, ob da Syntheselatex mit drin war und/oder Kreide zum Strecken. Dr. Kuebart vom eco Umweltinstitut hatte mit dem Rubber Institut in Malaysia Kontakt aufgenommen wegen eines geeigneten Analyseverfahrens und diese Methode hier eingeführt. Jetzt konnte man das überprüfen und eine Forderung daraus machen: 95% Primärmaterial muss nachweislich im gesamten Naturlatexblock vorhanden sein, die 5 % sind Vulkanisationsmittel. Also 100% Primärmaterial vom Baum.

Wieso müssen Matratzen aus natürlichen Materialien trotzdem auf Schadstoffe untersucht werden?

Der fertige Latex muss untersucht werden, da könnten VOC, also flüchtige organische Verbindungen drin sein, als Rückstände aus der Produktion. Oder Nitrosamine, die sich theoretisch aus den Hilfsmitteln bei der Vulkanisation bilden könnten. Die flüssige Latexmilch muss ja irgendwie zu Schaum werden. Und natürlich auf Rückstände von Pestiziden und Entlaubungsmittel aus der Baumwolle. Ja, und die Schurwolle von Schafen – da werden häufig Pestizide am Tier selbst eingesetzt gegen Schädlinge, je nachdem, wo die Wolle herkommt.

Was wusste man noch über potentielle Gefahren durch den Gebrauch von Naturlatex?

Es stand damals im Raum, dass Naturlatex Allergien bis hin zum anaphylaktischen Schock auslösen kann – und Naturlatexmatratzen daher für Allergiker nicht geeignet sein. Das konnte man sogar in den Info-Broschüren mancher Krankenkasse lesen. Der QUL hat dann 1998 eine umfangreiche Literatur-Recherche betrieben, also zusammengetragen, wer was wo schon untersucht hatte zum Thema und mit welchem Ergebnis. Alles in allem kam der QUL dann zum Ergebnis, dass keine Fälle dokumentiert waren, wo das Liegen auf einer Naturlatexmatratzen allergische Reaktionen ausgelöst hätte. Problematisch waren hingegen sog. Tauchartikel, also medizinische Handschuhe aus Naturlatex oder auch Kondome.

Was war für Sie das entscheidende Argument, sich dem QUL anzuschließen?

Die Idee von sauberen Materialien und Verantwortung für den Endverbraucher -die kann man einfach gemeinsam besser am Markt etablieren als alleine. Man kann mehr Druck auf die Vorlieferanten ausüben, sie dazu bewegen, auf Schadstoffe zu verzichten, ob in der Produktion oder schon beim Anbau. Das kann einer allein kaum, wenn er nicht marktbeherrschend ist. Und im besten Fall einen Sog erzeugen, also eine verstärkte Nachfrage von Seiten der Verbraucher.

Ist die Rechnung denn aufgegangen?

Das erste haben wir als QUL auf jeden Fall erreicht, der QUL und die gesamte Ökobewegung. An der Baumwolle sieht man das deutlich, langsam aber stetig wächst der Anteil an Bio-Baumwolle. Und wir bekommen heute zuverlässig Latexblöcke aus 100%igem Naturlatex, ohne das in Zweifel ziehen zu müssen. Das zweite, das mit der Nachfrage, das ist sicher noch ausbaufähig, wenn man betrachtet, welchen Anteil Naturlatexmatratzen überhaupt haben am gesamten Matratzen-Umsatz. Aber in unserem Segment, da scheint das QUL-Siegel so wichtig zu sein, dass manche Hersteller, die nicht im QUL sind, ihre Produkte ausloben mit dem Satz „getestet nach den Kriterien des QUL“. Also, da sind wir wohl der Maßstab, wenn es um Verbrauchersicherheit geht.

Worin sehen Sie die zentrale Bedeutung des QUL?

Mit dem QUL ist ein wirklich hochwertiges Gütesiegel entstanden. Es garantiert gebrauchssichere, gesundheitsverträgliche Matratzen, aus nachhaltigen Materialien. QUL-zertifizierte Matratzen bedeuten größtmögliche Sicherheit für den Verbraucher, in Kombination mit einem ergonomisch besonders wertvollen Material. Das ist gesunder Schlaf. Und wir sind nicht verantwortlich für Mikroplastik im Meer, wir sind nicht verantwortlich für den CO2 Anstieg in der Atmosphäre, bei unseren Produkten ist der CO2 Kreislauf geschlossen. Nur der Transport vom Hersteller zum Endverbraucher, der fällt natürlich ins Gewicht, aber das trifft ja auf jede Matratze zu.
 
Was wünschen Sie sich vom QUL für die Zukunft?

Auf jeden Fall, dass er die Nummer 1 bleibt bei der Schadstoffkontrolle. Und dass er größer wird und seine Botschaft noch mehr verbreiten kann. Und dass er weiterhin so am Ball bleibt wie bisher, das Siegel weiterentwickelt, sich über neue Themen bei der Schadstoffkontrolle schlau macht und diskutiert, auch neue natürliche Materialien ins Visier nimmt, wenn sich da etwas anbietet, was Sinn macht.

Herr Dr. Rüdiger Plänker ist Geschäftsführer der dormiente GmbH, Heuchelheim und Gründungsmitglied des QUL e.V.